Kastration ?!?!?!

21 Nov, 2014

Kastration ?!?!?!

Seit ich meinen Hund habe denke ich über dieses Thema nach, recherchiere und philosophiere. Ich finde diese Entscheidung muss gut ab gewägt und das Thema sollte von allen Seiten beleuchtet werden. Vor- und Nachteile zu nennen finde ich schwierig, denn was bei dem einen als Vorteil geltend gemacht wird, ist bei dem anderen noch lang kein Grund für einen derart massiven Eingriff.

Doch alle Tierhalter stehen irgendwann vor dem gleichen Problem und Gedankengang:  Was soll ich nun tun? Ich möchte auf keinen Fall für meinen Liebling falsch entscheiden. Im Folgenden ein paar Denkanstöße und meine eigenen Gedanken dazu, die nicht das Ziel verfolgen in die eine oder in die andere Richtung zu manipulieren. Meine Kommentare sind auf dem Verhalten und Befinden von Holly aufgebaut und sind in keinem Fall immer auf jeden Hund anwendbar. Am Ende muss jeder für seinen Hund selbst entscheiden was er tun möchte oder nicht. Denn beides hat durchaus seine Berechtigung.

  • Blutung

Für viele Hundebesitzer ist das der Grund seine Hündin kastrieren zu lassen. Oft werden Hündinnen zwei Mal im Jahr läufig. Pauschal betrachtet stellt das einen Zyklus von ca. 6 Monaten dar. Dies ist jedoch bei jeder Hündin anders, Holly hat z.B. einen 8 Monatszyklus, wenn man das so aus zwei Läufigkeiten heraus sagen kann. In der Zeit der Läufigkeit blutet der Hund durchschnittlich für 10 Tage. Dies kann sich jedoch individuell verkürzen oder auch verlängern. Am Anfang tröpfelt die Hündin nur sporadisch, wohingegen sie zur Mitte hin schon häufiger Blutstropfen verliert. Um die Sauerei einzudämmen kann man dem Hund ein Höschen überziehen.  Damit habe ich jedoch keine so guten Erfahrungen gemacht, da sie durch den Bund am Bauch ganz wund wurde. Da putze ich dann lieber. Bei fremden zu Besuch kann das bluten zu Spannungen führen, denn rote Flecken auf weißem Teppich etc. sind nicht so gern gesehen und auch durch das Höschen nicht zu 100% auszuschließen. Daher sollte der Hund zu dieser Zeit auch nur dort hin wo die Blutung und die eventuell damit verursachte Verunreinigungen kein Problem darstellen. Arbeitshunde so wie Holly, können in dieser sensiblen Zeit meist nicht arbeiten. Der Hund kann nicht in Einrichtungen mitgenommen werden, da dies eine psychisch sehr sensible Zeit ist. Auch die Gefahr der Verunreinigung der Räumlichkeiten und damit einhergehende Probleme mit der Einrichtung sind nicht in Kauf zu nehmen. Die Blutung und damit Arbeitspause bei Holly alle 8 Monate für ca. 17 Tage würde mich jedoch nicht dazu bewegen, einen derart massiven Eingriff bei ihr durchführen zu lassen.

  • Hormonachterbahn

Manche Hündinnen reagieren gar nicht, manche nur dezent und manche extrem. Ängstliches, unsicheres oder aggressives Verhalten, welches der Hund normal nicht zeigt kann nun plötzlich auftreten. Holly verändert sich ca. 2-3 Wochen bevor die Blutung einsetzt. Viele sonst normale Dinge machen ihr nun Angst. Einmal ist mir ein Topflappen heruntergefallen. Das war ein Drama. Ich verbrachte eine Stunde damit ihr durch Bestätigung und Leckerlis zu zeigen, dass der Topflappen nichts Schlimmes ist. Ein Hula hub Reifen wurde zum Angstobjekt oder ein Teenager der auf der Lehne einer Parkbank sitzt war ihr plötzlich mehr als suspekt. Diese extreme Unsicherheit zieht sich bis zum Beginn der Blutung hin und wird dann besser. Während der Blutung ist dann alles wieder etwas normaler. Der Grundgehorsam sitzt und ich kann sie trotzdem frei laufen lassen. Nach der Läufigkeit ist sie gegenüber großen Hunden eher ängstlich eingestellt. Während sie kleinere oder bekannte Hunde wie ihre beste Freundin Mogli so hart ran nimmt, dass diese gar nicht mehr mit ihr spielen möchten. Das Ganze geht dann noch ca. 6-7 Wochen so, bis sie wieder in der stillen Phase ist, in der sie keine Hormonkapriolen mehr schlägt. Das wäre für mich auf jeden Fall ein Grund sie kastrieren zu lassen. Ich merke wie schwer ihr diese Zeit fällt und ich glaube, dass sie selbst nicht so sein möchte. Es gibt jedoch auch Hunde bei denen dieser Aspekt wegfällt und damit keinen Kastrationsgrund darstellt.

  • Gesäugetumore

 

„Etwa 30 bis 40 % aller Tumore bei Hündinnen betreffen das Gesäuge, und die Sterblichkeit liegt bei etwa 60 % in den ersten zwei Jahren nach der Entfernung …  je nachdem welche Altersgruppe man heranzieht, erkranken nur 0,2 bis 1,8% aller Hündinnen überhaupt an Gesäugetumoren“

Strodtbeck, 2013 S.204

Eine viel zitierte Studie besagt, dass wenn man eine Hündin vor der ersten Läufigkeit kastriert, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Tumore entwickelt bei 0,5%. Jedoch sollte man auch bedenken, dass der Hund bei einer Frühkastration noch nicht mal ansatzweise körperlich und psychisch ausgereift ist. Viele Menschen sind der Meinung ein immer kindlicher Hund sei doch ein Geschenk. Ich bin jedoch der Ansicht, dass auch ein Hund ein Recht darauf hat erwachsen zu werden und in der Hundewelt nicht der ständige Welpe zu bleiben. Ich möchte, dass auch mein Tier ernst genommen wird. Daher war Frühkastration für mich nie Thema, ich kenne jedoch eine Menge Leute die das für den optimalen Weg halten und damit auch sehr gut fahren. Wartet man bis nach der ersten Läufigkeit, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 8 Prozent. Der Hund konnte reifer werden und ist nun körperlich ausgewachsen. Psychisch fehlt immer noch ein ganzes Eck, jedoch kann ich mich mit diesem Gedanken schon besser anfreunden. Holly war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch so überdimensional Baby, dass ich ihr eine weitere Läufigkeit zum Reifen ermöglichen wollte.  Nach der zweiten Läufigkeit erhöht sich das Krebsrisiko bereits auf 25 Prozent und nach der dritten Läufigkeit ist die Bildung von Tumoren durch eine Kastration nicht mehr zu beeinflussen. An diesem Punkt sind wir nun. Nun heißt es Kastration jetzt oder niemals. Denn wenn ich Holly so einer Prozedur unterziehen möchte, dann soll auch dieser Aspekt noch als Vorteil genutzt werden. Zudem ist sie nun weitestgehend ausgereift und an allem anderen können wir noch arbeiten. Kastration gegen Tumore stellt für mich auf jeden Fall einen Vorteil dar, den man nicht unbedacht lassen darf. Neuste Studien sollen jedoch nun belegen, dass die Verhinderung von Gesäugetumoren auf diese Art nicht sinnvoll erscheint. Wissenschaftler sollen herausgefunden haben, dass Tumore die wegen einer Kastration nicht an der Gebärmutter oder an dem Gesäuge entstehen, bilden sich dann einfach an anderer Stelle. Das wäre natürlich eine dramatische Wendung, denn Generationen von Hundehaltern haben ihre Hündinnen unter diesem Hauptaspekt kastrieren lassen. Einen Link zu diesem Thema ist unten bei den Quellen zu finden´.

  • Die Hundehalternerven

Auch diesen Aspekt darf man nicht außer auch lassen, sollten jedoch niemals als alleiniger Entscheidungsgrund herhalten. Für mich ist die Läufigkeit immer ein nervlicher Drahtseilakt. Die Spaziergänge sind in diesen Tagen niemals entspannend. Der Halter ist ständig auf halb acht Stellung, was den Hund zunehmend auch verunsichert. Viele Hündinnen können diese Zeit nicht von der Leine, was auch schon einen deutlich Einschnitt in den normalen Alltag darstellt. Oft wird der Hund zu den blödesten Zeitpunkten läufig. Bei Hollys beiden Läufigkeiten war es einmal über Weihnachten und Silvester. Die wunderbaren geplanten Winterurlaubsspaziergänge und die meisten Besuche bei Freunden waren gestrichen, der Urlaub war im Arsch. Die zweite Läufigkeit viel in einen bereits gebuchten Urlaub in einem Hundehotel mit extra Vorbereitung auf die Therapiehundeprüfung, die im Übrigen auch nur knapp von der Läufigkeit verschont wurde. Hundehotel konnte Gottseidank storniert werden und zur Prüfung war der Spuk vorbei. Man sieht, echt verdammt dämlich. Auch das veränderte Verhalten des Hundes kostet Nerven und belastet so manches Mal die Hunde-Halter-Beziehung.

  • Gebärmutterentzündungen/ Vereiterung

Neben der Gefahr von Tumorbildung besteht auch bei jeder Läufigkeit die Gefahr einer Gebärmutterentzündung, einer sogenannten Pyometra, die nach einer Läufigkeit auftreten kann. Diese kann zum Tod führen wenn sie nicht erkannt wird. Manchmal sind die Symptome dafür jedoch nur sehr schwach und werden daher nicht oder sehr spät wahrgenommen. Anzeichen sind Temperaturanstieg, häufiges Urinieren, verminderter Appetit, exzessiver Durst, vaginaler Ausfluss und Umfangsvermehrung des Bauches (Strodtbeck 2013 S.205). Dieser Gedanke hat mich nach jeder Läufigkeit gequält. Jedes noch so kleine Anzeichen hat mich sofort in Aufruhr versetzt. Einer Gebärmutterentzündung durch eine Kastration vorzubeugen, wenn auch noch andere Aspekte für eine Kastration vorhanden sind, sehe ich als Laie als legitim an. Eine derartige Erkrankung ist grundsätzlich eine lebensbedrohliche Situation für eine Hündin, die leicht zu spät erkannt wird. Jedoch kann man auch hier ohne Kastration nur durch genaue Beobachtung des eigenen Hundes das schlimmste verhindern.

  • Scheinträchtigkeit/-mutterschaft

Auch dies ist von Hündin zu Hündin unterschiedlich. Experten zufolge gehört sie zum Zyklus dazu. Das bedeutet jede Hündin durchläuft diese Stadien, die eine leidet darunter, die andere nicht. Je nachdem wie ausgeprägt die Verhaltensweisen und die körperlichen Veränderungen der Hündin sind kann dies auf jeden Fall ein Grund für eine Kastration sein. Entwickelt eine Hündin einen starken Nestbautrieb, schleppt ihr Spielzeug herum und verteidigt es eventuell als ihr Welpen, kann man davon ausgehen, dass die Hündin zu den heftiger reagierenden gehört. Schwellen die Zitzen stark an und kommt sogar Milch heraus, unterstreicht das noch das Bild. Hier ist von einem Leidensweg der Hündin auszugehen, der sich Zyklus für Zyklus immer wieder wiederholen wird. Holly ist in dieser Zeit wahnsinnig anhänglich und gar nicht mehr von meiner Seite wegzubringen. Verlasse ich den Raum wird sofort die nächste Bezugsperson belagert. Ihre Milchdrüsen schwellen an und man merkt deutlich, dass sie sich auf die Produktion von Milch vorbereiten. Bei der zweiten Läufigkeit sind ihre Zitzen dick und rot geworden und haben sich entzündet, sodass wir sogar zum Tierarzt gehen mussten. Alles nicht so schön und ich denke sehr unangenehm für das Tier. Daher zähle ich diesen Punkt als Pro auf meiner persönlichen „kastrieren ja oder nein“ Liste.

  • Inkontinenz

Zu den eher weniger schönen Nebenwirkungen einer Kastration ist die Gefahr der Inkontinenz aufzuführen. Dies ist meiner Meinung nach der größte Abschrecker. Die Gefahr einer Inkontinenz bzw. des Harnträufelns steigt mit dem Gewicht des Hundes. Während Hunde unter einem Gewicht von 20 kg im Schnitt nur zu 10 % von einer Inkontinenz nach der Kastration beeinträchtigt sind, sind ist bei Hündinnen über 20 kg bereits  31 Prozent.  Dies zeigt sich in der Regel erst im höheren Alter, oft nur nachts durch ein paar Tröpfchen und ist in der Regel sehr gut medikamentös therapierbar. Nichts desto trotz ist es eine durch Veränderung des Hormonhaushalts verursachte, dauerhafte Schädigung der Hündin, die nicht  heilbar ist und dauerhaft behandelt werden muss. Dieses Risiko gilt es nun gegen die individuellen Aspekte, die für eine Kastration sprechen, abzuwägen.

  • Gewichtszunahme

Über diesen Punkt habe ich am wenigsten nachgedacht. Denn das liegt meiner Meinung nach jeden Tag des Jahres in der Hand des Halters. Bei mir ist das so, und ich denke das ist bei den meisten Hundebesitzern so, macht sich der Hund nicht selbst den Kühlschrank oder die Dose auf und isst den lieben langen Tag wann und was er will. Nein, das ist die Aufgabe des Menschen und das liegt allein in unserer Verantwortung. Der Halter ist zuständig sich über den neuen Energiebedarf seines Hundes Bescheid zu wissen und dessen Ernährung an die neuen Umstände anzupassen.

  • Fellveränderung

Manchmal wird nach einer Kastration von Fellveränderungen gesprochen. Das Wort Welpenfell tritt häufiger in diesem Kontext auf. Das heißt mehr Unterwolle weniger Stockhaar und insgesamt einen flauschigeren Hund. Die Gefahr für den Hund wieder ein Welpenfell zu bekommen steigt mit der Länge des Haars an. Am häufigsten ist es bei rothaarigen Hunden mit langem Fell zu beobachten. Vereinzelt ist auch von anderen Fellveränderungen die Rede, wie stumpferes Fell oder Haarausfall besonders an den Flanken.

  • Ungewollte Trächtigkeit

Dieser Punkt liegt, genauso wie der Punkt Gewichtszunahme beim Halter und kann auf keinen Fall ein Grund zur Kastration geben. Wenn ich mir einen Hund hole, muss ich in der Lage dazu sein diesen vor ungewollten Deckakten zu schützen. Wegen menschlicher Inkompetenz einen Hund kastrieren zu lassen ist einfach fahrlässig.

So das ist nun mein kleiner Überblick über für mich wichtige Gedankenstützen. Mein Artikel ist wie oben schon betont nicht dazu gedacht jemanden zu etwas zu überreden oder in eine Richtung zu drängen. Er ist auch nicht auf Vollständigkeit bedacht, sondern gibt nur meine Gedanken unter Heranziehung diverser Studien, gelesener Artikel und Bücher wieder.

  • Sonstiges

Für mich spielt noch eine Sache eine Rolle. Der Geruch des Hundes. Holly ist ein Golden Retriever, die bekanntlich sehr lecker riechen müssen. So auch bei Holly, denn jeder Hund egal ob Rüde oder Weibchen, egal ob Holly Läufig ist oder nicht finden sie unglaublich interessant. Das führt wiederum dazu, dass alle Hunde auf dem Hundeplatz zuerst einmal intensiv an meinem schnüffeln und lecken wollen. Dieser Umstand wiederum gefällt meinem Hund überhaupt nicht. Von einer Kastration würde ich mir noch erhoffen, dass Holly endlich nicht mehr so verdammt interessant riecht und somit mehr Frieden hat. Und das wäre ein sehr guter Grund für mich.

 

Quellen:

Strodtbeck, Sophie und  Borchert, Uwe (2013) Hilf, mein Hund ist in der Pubertät; Entspannt durch wilde Zeiten; Gräfe und Unzer Verlag GmbH: München

Ganßloser, Udo und Strodtbeck, Sophie (2011) Kastration und Verhalten beim Hund; Auflage 2; Müller Rüschlikon: München

Link zu neuen Tumorerkenntnissen eines Tierarztes: http://www.tierarzt-rueckert.de/blog/details.php?Kunde=1489&Modul=3&ID=18951

 

Jasmin

Als Sozialpädagogin i.A. und zertifizierte Hundeführerin in der tiergestützten Intervention liegt mir das Wohl und die Entfaltung der Persönlichkeit meiner Klienten sehr am Herzen. Zusammen mit meiner ausgebildeten Therapiehündin Holly ist es mir eine Freude, Menschen ein Stück ihres Lebens zu begleiten.

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